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SEIN LIED SOLL NICHT VERSTUMMEN *

 

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Gerrit van Honthorst (1590-1656), King David Playing the Harp (1611), Centraal Museum Utrecht, Holland

Eine Gewissensfrage: Besteht so etwas wie – Jüdische Musik -?
Wenn ja: Was ist das? Ist es Klezmer? Chassidischer Nigunim? Spanische Romanceros, jiddische Lieder, die synagogalen Gesänge, die Psalmen?
Und: Kann klassische Musik jüdisch sein? Liegt es am Komponisten? Ist die Musik jüdisch, wenn der Komponist jüdisch ist? Oder liegt es an den von ihm/ihr verwendeten Themen?

Eine kleine Spurensuche:

Musik spielte eine wichtige Rolle im Leben der alten Hebräer. Genau wie die meisten östlichen Völker waren sie sehr musikalisch. Musik, Tanz und Gesang waren für sie sehr wichtig: sowohl im täglichen Leben als auch in den synagogalen Diensten. Man bespielte auch verschiedene Instrumente: So nahm eine der Frauen von Salomon mehr als tausend verschiedene Musikinstrumente aus Ägypten mit.

Nach der Zerstörung des Tempels verschwanden – bis auf die Schofar – alle Instrumente aus den Synagogen und kehrten erst im XIX Jh. zurück.

Es existiert leider wenig geschriebene Musik von vor 1700. Jedoch wird 1917 das bis heute älteste, bekannte Musikmanuskript gefunden – es datiert aus ± 1100.

                                               KOL NIDRE

 

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Das bekannteste Gebet aus der jüdischen Lithurgie ist unzweifelhaft Kol Nidre: Bitte um Vergebung und um Nichtigkeitserklärung aller Gelöbnisse gegenüber Gott und sich selbst, die man während des abgelaufenen Jahres auf sich genommen hat.

Das Gebet soll noch vor der Verwüstung des Tempels entstanden sein, aber es bestehen auch Legenden, die den Ursprung des Gebets in die Hände der Marranen legen (spanische Juden, die sich unter dem Zwang der Inquisition zum katholischen Glauben bekehrten, aber im Herzen Juden blieben). So wurde um Vergebung gebeten für die unter Zwang gemachten Gelöbnisse.

Sicher ist, dass Rabbi Jehuda Gaon schon in 720 das Kol Nidre in seiner Synagoge in Sura einführte. Es ist auch ein Fakt, dass die Melodie, wie wir sie kennen, einige Verwandtschaft zeigt mit einem bekannten katalanischen Lied. Im Laufe der Jahre wird es durch verschiedene Vorsänger bearbeitet, die bekannteste Version stammt aus 1871 und ist von Abraham Baer.

Die Melodie wurde eine Inspirationsquelle für viele Komponisten: Das bekannteste ist das Werk für Cello und Orchester von Max Bruch.

 

 

 

Die Motive von Kol Nidre finden wir auch in der Symphonie von Paul Dessau und im fünften Teil des Streichquartetts op. 131 von Ludwig van Beethoven. Und dann dürfen wir auch das „Kol Nidre“ von Arnold Schönberg für Sprechstimme, Chor und Orchester nicht vergessen. Er komponierte es im Jahr 1939, im Auftrag einer jüdischen Organisation.

http://www.schoenberg.at/index.php/de/joomla-license-sp-1943310035/kol-nidre-op-39-1938

 

                                                     EINFLÜSSE


Jüdische Volksmusik ist nicht unter einen Nenner zu bringen und kennt eine Vielzahl von Traditionen: Nach ihrer Zerstreuung landeten die Juden in verschiedenen Teilen Europas, Asien und Afrika.

Die größte Entwicklung der eigenen Kultur manifestierte sich, merkwürdig genug, in den Zentren, wo Juden die wenigsten Freiheiten hatten. Jüdische Volksmusik war daher eigentlich Musik des Ghettos. Dort wo Juden einigermaßen in Freiheit lebten, „verwischte“ sich ihr eigenes „Ich“.

In den Ländern rundum das Mittelmeer wohnten die sogenannten Sephardim (von Sfarad, hebräisch für Spanien). Ihre Romanceros sangen sie in Ladino, eine Art geschundenes Spanisch. Nach ihrer Vertreibung aus Spanien und später aus Portugal wurden sie beeinflusst durch die Musik ihres neuen Gastlandes.

“Por Que Llorax Blanca Nina”(Sephardisches Lied aus Sarajevo) Jordi Savall, Montserrat Figueras:

 

In Ländern wie Polen und Russland lebten Juden in fortwährender Angst vor Verfolgungen, die nicht selten in Pogromen ausarteten. Als eine Art „Gegenreaktion“ entstand der Chassidismus, eine Bewegung, die auf Mystizismus, Spiritualität und magischen Doktrinen basierte. Er verkündete die Lebensfreude, eine Art Glückseligkeit, die durch Mittel von Musik, Tanz und Gesang erreicht werden konnte. Alleine so konnte der direkte Kontakt mit Gott erreicht werden. Chassidische Musik wurde stark beeinflusst durch polnische, russische und ukrainische Folklore. Später auch die Musik von Vaudevilles und Walzer von Strauss. Der Charakter dieser Werke blieb jedoch jüdisch.

 Bratslav nigun – Jewish tune of Bratslav (by Vinnytsia), Ukraine:

Auf ihre Weise haben die chassidischen Melodien enormen Einfluss auf klassische Komponisten gehabt: Denken Sie nur alle an Baal Shem von Ernest Bloch oder Trois Chansons Hebraiques von Ravel.

 

                                               JOSEPH ACHRON

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 Courtesy of the Department of Music, Jewish National & University Library, Jerusalem, Achron Collection.

Arnold Schönberg sagte einmal über ihn, dass er der meist unterschätzte, unter den zeitgenössischen Komponisten war. Er rühmte seine Originalität und war sich sicher, dass seine Musik einen absoluten Ewigkeitswert hat.

Der bewanderte Violinenliebhaber kennt unzweifelhaft seine Hebrew Melody: eine sehr beliebte Zugabe aus dem Repertoire von so manchem Violinisten, beginnend mit Heifetz. Das Werk ist inspiriert von einem Thema, das Achron einst in einer Synagoge in Warschau hörte, als er noch ein kleiner Junge war. Er schrieb es 1911, es war eine seiner ersten Kompositionen und zugleich seine Form von „Farbe zu bekennen“: Er wurde Mitglied der Vereinigung für jüdische Musik.

Seine Laufbahn als Komponist begann jedoch erst spät in den 20er Jahren. In St. Petersburg schloss er sich den Komponisten, die vereinigt waren in der „Neuen Jüdischen Schule“, an.

1924 reiste er einige Monate nach Palästina, wo er nicht nur auftrat, sondern auch alle Volksmusik sammelte, die er antraf. Die Notizen, die er sich machte, wurden später in seinen Kompositionen verarbeitet. So findet man in seinem Violinenkonzert op. 30 einzelne jemenitische Themen. In den 30er Jahren flüchtete er, genau wie Schönberg, Korngold und viele andere jüdische Komponisten aus Europa nach Hollywood, wo er 1943 verstarb.

Josef Hassid spielt Jewish Melody von Achron:

 

                                               EIN EIGENER JÜDISCHER SOUND

Schon gegen Ende des 19. Jh. entstand in Petersburg (und später auch in Moskau) eine „Jüdische nationale Schule für Musik“. Die darin vereinigten Komponisten waren bestrebt Musik zu komponieren, getreu ihren jüdischen Wurzeln.

Außer Joseph Achron waren die wichtigsten Vertreter davon Michail Gnessin und Alexandr Krein. Ihre Musik war verankert in den jüdischen Traditionen von vorwiegend einer chassidischen „Nigun“ (Melodie).

Die Bewegung blieb nicht beschränkt auf Russland, denken Sie an den Schweizer Ernest Bloch und den Italiener Mario Castelnuovo-Tedesco, die auf der Suche nach ihren „Wurzeln“ einen vollkommen eigenen „jüdischen Stil des Komponierens“ entwickelt haben.

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Mario Castelnuovo-Tedesco

Synagogale Gesänge formten die Inspirationsquelle für u. a. Sacred Service von Bloch, Sacred Service for the Sabbath Eve von Castelnuovo-Tedesco Service Sacré pour le samedi matin von Darius Milhaud und The Song of Songs von Lucas Foss.

Milhaud: Service Sacré pour le Samedi Matin:


 

Mario Castelnuovo-Tedesco griff auch nach der alten hebräischen Poesie des Dichters Moses-Ibn-Ezra, die er für seinen Liederzyklus The Divan of Moses Ibn Ezra verwendete:


 

In den USA war es Leonard Bernstein, der sehr bewusst jüdische Themen in seiner Musik anwendete. (Symphonie Nr. 3, Dybbuk Suite, A Jewish Legacy):

 

Weniger bekannt sind Paul Schoenfield und sein prächtiges Altviolinenkonzert King David dancing before the ark. Und Marvin David Levy, der in seiner Kantate ’Canto de los Marranos’ sephardische Motive verwendete:

 

Der Argentinier Osvaldo Golijov (1960, La Plata) weiß in seinen sowohl klassischen als auch in Filmkompositionen, jüdische lithurgische Musik und Klezmer mit den Tangos von Astor Piazzolla zu kombinieren. Er arbeitet oft mit dem Klarinettisten David Krakauer und für das Kronos Quartett hat er ein sehr intrigierendes Werk ‘The Dreams and Prayers of Isaac the Blind’ komponiert:


 

                                               DMITRI SCHOSTAKOWITSCH

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Was für Gründe der nicht jüdische Sjostakowitsj hatte, um jüdische Elemente in seiner Musik zu verwenden, ist nicht komplett deutlich, aber es brachte in jedem Fall prächtige Musik hervor. Sein Piano trio op. 67 schrieb er schon 1944. Bei der ersten Aufführung davon, musste der letzte, der “Jüdische Teil” wiederholt werden. Es war zugleich das letze Mal, dass es während des Stalinismus gespielt wurde.

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1948 komponierte er einen Liederzyklus für Sopran, Mezzosopran und Tenor „Aus der jüdischen Volkspoesie“ – inzwischen schon viele Male aufgenommen und (zurecht!) sehr geliebt.

Alte Melodia Aufnahme des Zyklus:

1962 komponierte er die 13. Symphonie die Babi Jar, auf der Grundlage eines Gedichts von Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko. Babi Jar ist der Name einer Schlucht in Kiew. 1941 wurden dort durch die Nazis mehr als 100.000 Juden ermordet:

 

1990 wurde die Stiftung The Milken Archive of American Jewish Music gegründet, um alle Schätze der jüdischen Musik, entstanden im Laufe der amerikanischen Geschichte, aufzunehmen. Das Archiv besteht inzwischen aus (unter anderem) mehr als 700 aufgenommenen Musikwerken, verteilt auf 20 Themen. Die CDs werden weltweit vertrieben durch ein Budgetlabel Naxos. Niemand, der an jüdischer Musik interessiert ist (und an deren Geschichte), kommt daran vorbei.

* Dieser Satz steht auf dem Erinnerungsstein, der auf dem Friedhof Muiderberg aufgestellt wurde, zum Gedenken an den durch die Nazis ermordeten Dirigenten Sam Englander und seinen Amsterdamer jüdischen Chor der großen Synagoge.

Deutsche übersetzung: Beate Heithausen

Originele artikel in het Nederlands:
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Entartete Musik, Theresienstadt und Channel Classics. Deutsche Übersetzung

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Ende der 80er Jahre, des vorigen Jahrhunderts, kam die Musik liebende Welt (und damit meine ich nicht nur die Hörerschaft, sondern auch die Publizisten, Rezensenten und Musikfachleute) dahinter, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde; oder nun, wo wir über Musik sprechen: zwischen Strauss und Stockhausen. Man fing an zu realisieren, dass eine ganze Generation Komponisten aus den Geschichtsbüchern und von den Konzertbühnen entfernt wurde. Innerhalb kurzer Zeit. Dies war nicht alleine die Schuld der Nazis

1988 wurde die Ausstellung „Entartete Musik“ in Düsseldorf ausgerichtet, exakt 50 Jahre nach der ursprünglichen Nazi-Aufführung. Die Ausstellung hatte auch emotionale Auswirkungen auf andere Städte, worunter auch Amsterdam, und wurde der Auslöser um Fragen zu stellen.

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Der Term „entartet“ wurde nicht von den Nazis erfunden. Schon im 19. Jh. wurde er in der Kriminologie benutzt, es bedeutete so etwas wie: „biologisch degeneriert“. Der Term wurde gerne durch die Machthaber des Dritten Reiches ausgeliehen, um die Kunstgattungen zu verbieten, die sie „unarisch“ fanden. Modernismus, Expressionismus, Jazz … und alles, was mit Juden in Verbindung gebracht wurde, denn sie waren im Voraus schon degeneriert, in dem Fall als Rasse.

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Was als Verbot begann, entwickelte sich schon schnell als Ausschluss und resultierte in Mord. Diejenigen, denen es geglückt war nach Amerika oder England zu flüchten, haben den Krieg überlebt. Wer in Europa blieb, war verdammt. Viele, hauptsächlich tschechische Komponisten wurden über Terezín in die Vernichtungslager deportiert, viele landeten dort geradewegs. Nach dem Krieg wurden sie total vergessen, und so zum zweiten Mal ermordet. Wer es überlebte, wurde als hoffnungslos altmodisch bezeichnet und nicht gespielt.

Es begann erst Ende der 80er Jahre, dass man ein Bewusstsein dafür entwickelte, dass Korngold mehr war als nur ein Komponist von erfolgreicher Hollywood-Filmmusik; dass ohne Schreker und Zemlinski wahrscheinlich auch kein Strauss gewesen wäre, und Boulez und Stockhausen nicht die Ersten waren, die mit Serialismus spielten. Das Umdenken kam für die meisten der Überlebenden zu spät.

In Deutschland wurde eine Stiftung Musica Reanimata gegründet, aber auch die Niederlande blieben nicht dahinter zurück. Unter dem Namen Musica Ritrovata haben ein paar Enthusiasten einen Versuch gewagt, um die Musik zurück auf die Konzertbühnen zu bringen.

Dass dies glückte, war auch Channel Classics zu verdanken. Das niederländische CD-Label, gegründet durch Jared Sachs, war das Allererste, welche die Musik der „vergessenen“ Komponisten begann aufzunehmen.

Schon in den Jahren 1991 und 1992 veröffentlichten sie 4 Cds mit der Musik der „Theresienstadt-Komponisten“, von denen man beinahe niemals vorher etwas gehört hatte: Gideon Klein, Hans Krása, Pavel Haas, Viktor Ullman… Und das, wo die letzten drei doch vor dem Krieg wirklich ein Begriff waren. Gideon Klein hatte die Chance nicht – er wurde schon in seinem 24. Lebensjahr vergast.

Die ersten vier Cds von Channel Classics waren echte Pionierarbeit. Von Hans Krása wurde in Prag die Kinderoper Brundibar aufgenommen. Brundibar wurde noch vor dem Krieg komponiert, aber seine Premiere fand 1943 in Terezín statt.

 

 

Die CD (CCS 5198) wurde kombiniert mit Liedern von Domažlicky. Kein Überflieger, aber ohne Zweifel interessant.

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Großartig hingegen ist die Aufnahme von Krásás Kammermusik durch das La Roche Quartett (CCS 3792), womöglich die beste Darbietung die davon existiert.

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Von allen Schülern von Janácek gelang es Pavel Haas am besten, die Einflüsse seines Lehrers mit eigener musikalischer Sprache zu kombinieren. Auf Bitten von Karel Berman (Bass) schrieb er in 1944 Vier Lieder nach Worten chinesischer Poesie. Berman, der den Krieg überlebte, hat sie zusammen mit seinen eigenen Liedern (CCS 3191) aufgenommen

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Aber am schönsten finde ich, neben dem dritten Streichquartett von Victor Ulmann, die Aufnahme mit vier Werken des 24-jährigen Gideon Klein. Lausche nach seinem Trio und erschaudere. (CCS1691)

 

 

Channel Classics macht weiter – nun in Zusammenarbeit mit dem unübertroffenen Werner Herbers und seiner Ebony Band. Durch ihn sind viele Komponisten mehr als eine Meldung in Wikipedia geworden. Denken Sie an Schulhoff: Sie kennen doch sicher seine CD mit Dada-inspirierten Werken, mit den Zeichnungen von Otto Griebel?

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Ebony Band und Loes Luca in Sonata Erotica:

Denken Sie an Wolpe von dem er während des HF (Holland Festival) die Oper Zeus und Elida aufgeführt hat, und dessen Musik er noch stets aufnimmt – die neueste heißt Dancing. Außer Wolpe, Milhaud und Martinů sind dort auch Werke von Emil František Burian und Mátyás Seiber zu finden.

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Und denken Sie an den polnischen Józef Koffler, während des Krieges ermordet. Sein Streichtrio und die prächtige Kantate Die Liebe (gesungen durch Barbara Hannigan), steht neben dem Quintett des anderen unbekannten Polen Konstanty Regamey (CCS31010).

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Übersetzung: Beate Heithausen

 

Nelly Miricioiu Königin des Belcanto

Nelly Miricioiu/ Foto Opera Rara/ Duncan Russell

Nelly Miricioiu

 

 Jedem Belcanto-Liebhaber ist der Name Nelly Miricioiu ein Begriff! Ihre unendlich vielen Live-Aufnahmen von Rossini, Bellini, Donizetti sind in so gut wie jedem Regal von Sammlern zu finden, die sich für diese Spielart der Oper interessieren. Ihre Einspielungen seltener Donizetti-Opern bei Opera Rara vor allem haben ihren Ruhm verewigt, zu dem auch der jüngst verstorbene Walter Knoeff mit seinen Dokumenten auf Gala oder opera-club.net beigetragen hat. Die eigenwillige, höchst individuelle Sopranstimme der Miricioiu war in der Lage, sich problemlos für die Norma ebenso wie für die Anna Bolena oder Semiramide zu eignen. Aber – und das macht ihre große Bandbreite aus – auch das veristische Repertoire von La Fiamma bis zur Francesca da Rimini, von Cilea bis Puccini und Alfano war ihre Domäne. Ich selber habe sie an vielen, vielen Abenden in Italien, London (wo sie wohnt) oder anderswo gehört und bewundert. Ihre Tosca neben Robert Hale und Neil Shicoff gehört zu den spannendsten Verkörperungen meiner Opernerfahrung. Was für eine furchtlose, engagierte und sich in ihre Partien bis zur Selbstaufgabe stürzende Sängerin! Eine wirklich Künstlerin, nicht nur eine Besitzerin einer hochindividuellen Stimme, die man nicht vergisst. Namentlich in London und vor allem in Amsterdam war sie eine Göttin, eine wahre Kaiserin der Samstags-Matineen, jener unglaublichen und schon legendären Opernkonzerte im Amsterdamer Concertgebouw vor einer ebenso treuen wie jubelnden Fangemeinde. Unsere Kollegin Basia Jaworski traf La Miricioiu kürzlich auf einen Schwatz. G. H.

 

Nelly Miricioiu und Jihae Shin: Meisterklasse in Amsterdam/ Foto  Jeanne Doomen

Miricioiu in Amsterdam.Foto: Jeanne Domen


Jaworski:
Ich kann mir das Opernleben ohne Nelly Miricioiu nicht vorstellen. Mit ihrem markanten  Sopran, ihrem sehr charakteristischen Timbre und ihrem bis zur Perfektion beherrschten Vibrato, gehört sie seit Beginn der 80er Jahre zu der aussterbenden Rasse der wirklichen  Diven vom Typ einer Callas, Scotto oder Olivero. Meine frühesten Opernerinnerungen führen mich zurück zu Thaïs mit Nelly Miricioiu. Danach konnte ich sie 25 Jahre lang im Grote Zaal des Concertgebouws bewundern, während der unvergesslichen Samstagsmatinéen, bei denen sie im Ganzen 17 verschiedene Rollen gesungen hat – Ihre Palette hier reichte von Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi bis hin zu  Puccini, Zandonai und Mascagni. Ich bewunderte sie auf der Bühne in Brüssel als Anna Bolena und in Antwerpen als Magda (La Rondine) und Anna (Le Villi). Zwischen ihr und der Amsterdamer Oper wollte es jedoch nicht klappen. Luisa Miller scheiterte an einer idiotischen Regie, und bei Norma wurde sie krank und bekam Stimmprobleme. Was für ein Verlust, denn die Miricioiu ist nicht nur eine wunderbare Sängerin, sondern auch eine phänomenale Schauspielerin.

 

 

Miricioiu Opera Rara recitalIm März war Nelly Miricioiu ein paar Tage in Amsterdam für eine  Meisterklasse von jungen, vielversprechenden Sängern. Ich durfte einer „Lehrstunde“ beiwohnen und schaute gebannt  zu, wie sie versuchte, der jungen Südkoreanerin Jihae Shin die Grundlagen der Belcantogesangstechnik nahezubringen. Miricioiu ist eine sehr physisch präsente Lehrerin. Sie singt das eine oder andere vor und lässt ihre Schüler fühlen, wie die Muskeln auf bestimmte Klänge reagieren. Wie man diese besser, eindrucksvoller oder einfach präziser erzielen kann. Sie legt ihre Hand auf Shins Bauch und schüttelt mit ihrem Kopf: Nein, so geht das nicht. „Fühle mal“, sagt sie und legt Shins Hand auf ihren eigenen Bauch. Das ganze Gesicht wird bei der Unterrichtsstunde einbezogen: von den Schläfen, Augen, Wangenknochen bis zum Kinn. Die Lippen müssen weiter auseinander gezogen werden, der Mund muss breiter, viel breiter sein! Hört sie nun, was für einen Unterschied dies macht? Jihae Shin ist eine aufmerksame Studentin, sie behält alles gut und macht alles brav nach, was ihr aufgetragen wurde. „Brava“, ruft die Lehrerin, aber die Koloratur (es wird „Caro nome“ aus Rigoletto einstudiert), die muss doch wirklich anders werden! „Das „Haha haha haha“ musst Du nicht akzentuieren, das macht Reinild (die Pianistin Reinild Mees, die nicht nur alle Unterrichtsstunden begleitet, sondern auch physisch mitmacht, BJ) schon am Klavier. Du musst flüssig darüber weggleiten, Du darfst Deine Technik nicht hören lassen. Und vergiss das Lächeln nicht, Deine Lippen, Deine Lippen …“ Miricioiu macht es kurz vor und alles passt wieder. Genau wie etwas später bei “Ah! Non credea mirarti” aus La Sonnambula. Die Studentin macht es fantastisch, und den Beiden ist die Rührung anzusehen.

 

Die Diva und ihr Mentor: Nelly Miricioiu und Patric Schmidt, der Firmenchef und spiritus rector von Opera Rara/ Opera Rara mit Dank

Nun also ein paar Fragen: Was lieben Sie am Unterrichten? Und: Ist es nicht schrecklich ermüdend? Ach ich liebe das sehr. Nicht jeder gute Sänger ist ja auch ein guter Lehrer, aber ich denke, dass ich das nicht schlecht mache mache. Es ist eine Tatsache, dass viele von meinen Lehrlingen es wirklich weit bringen und darauf bin ich stolz. Eine Meisterklasse kann man natürlich nicht mit dem wirklichen Unterricht vergleichen, aber selbst dann hoffe ich, dass ich etwas Wesentliches rüberbringen kann. Etwas das bleibt und vor allem weiter hilft. Ich schaue auch oft bei den Meisterklassen vorbei, die meine Kollegen geben, so lerne ich selbst auch noch etwas. Ich bin noch immer sehr lernbegierig.

Sehen Sie: Es geht nicht allein um die Stimme oder das Talent, harte Arbeit und/oder Ausstrahlung. Es geht um das komplette Bild. Wenn man gut aussiehst, ist das natürlich von Vorteil, aber für mich gilt, dass man mit seiner Stimme überzeugen muss und nicht mit seinem Aussehen. Auf der anderen Seite … Gestern habe ich Il Matrimonio Segreto von Cimarosa hier in Amsterdam gesehen, mit wirklich fantastischen jungen Sängern, die auch noch optisch zu ihren Partien passten. Das war einfach ideal.

Nelly Miricioiu: recording "Rosmonda d´Inghilterra" für Opera rara/ Dank an Opera rara/ Duncan Russell

Es gibt wenig wirklich gute Lehrer! Und Sänger, vor allem junge Sänger,  sind Wegwerfartikel geworden. Das Einzige, was zählt, ist der Wettbewerb, und da herrscht auch viel Angst. Denn wenn man sich nicht bedingungslos den Ansprüchen fügt, dann sind da Dutzende, wenn nicht Hunderte andere, die schon in der Reihe stehen, um es von dir zu übernehmen. Ich habe Vorsingen mitgemacht, wo den Sängern gesagt wurde: Du bist wirklich großartig, aber es sind noch viel mehr, die genauso großartig sind wie Du. Also der Nächste!“

Was denken Sie über die vielen Gesangs-Wettbewerbe, die es gibt? Ich finde sie sehr wichtig. Ohne weiteres. Man kann wirklich nicht ohne sie. Wenn man sich als junger Sänger profilieren will, wenn man sich sehen lassen will, dann muss man da mitmachen. Mitunter „springt man“ von einem zum anderen Wettbewerb, in der Hoffnung zu gewinnen und entdeckt zu werden. Was nicht hilft: Viele dieser Wettbewerbe können sich nicht entscheiden, wofür sie eigentlich bestimmt sind. Wollen sie ein Karrieresprungbrett sein für junge und beginnende Sänger oder muss der Gewinn des Wettbewerbs den bereits arrivierten Sängern mehr Bekanntheit und bessere Rollen bringen? Darin unterscheidet sich der IVC (International Vocal Competition) in sehr positiver Weise. Man erhält alle Aufmerksamkeit und es wird dafür gesorgt, dass man „reicher“ zurückkommt, auch wenn man nicht gewinnt. Man bekommt dort Meisterklassen und gute Ratschläge. Und die Atmosphäre ist sehr freundlich und gemütlich.

 

Nelly Miricioiu: Silvana in "La Fiamma" an der römischen Oper/ Foto Opera di Roma

Was halten Sie von superrealistischen Szenen auf der Bühne, von Szenen mit Gewalt und explizitem Sex, wie das immer mehr zuzunehmen scheint? Es ist nichts einzuwenden gegen realistische Bilder, aber muss es in allen Details zu sehen sein? Schockieren, um zu schockieren? Alles sehen lassen, was man es auch im TV oder im Netz sehen kann? Ich weiß, dass es Vergewaltigungen im realen Leben gibt, aber muss das auf der Bühne dargestellt werden? Vulgarität auf der Bühne, das habe ich niemals verstanden. Ist auch nirgends nötig. Ich erinnere mich an die Produktion von La Fiamma von Respighi mit dem fantastischen, rumänischen Tenor und meinem sehr lieben Kollegen Gabriel Sadé. Der Regisseur wollte die Liebesnacht so realistisch wie möglich ins Bild bringen: nackt also. Das fühlte sich für uns Sänger nicht gut an. Auf diese Art würde ich mich niemals auf die Rolle konzentrieren können und sicher nicht auf das Singen. Das wollte ich nicht. Es wurde damals beschlossen, uns eine Art „zweite Haut“ zu geben. Es sah sehr realistisch aus, aber für mein Gefühl hatte ich nichts an und war nackt. Unangenehm.

 

Nelly Miricioiu: recording "Marina, Regina d´Inghilterra" für Opera Rara/ Foto Duncan Russell/ Dank an Opera Rara

Lassen Sie uns über Verismo reden. Eine Strömung, die gegenwärtig so sehr  vernachlässigt wird. Es sind auch wenige Sänger, die in dem veristischen Stil singen können. Woran liegt das? Wird das Repertoire zu wenig gespielt, da es keine Sänger mehr dafür gibt? Oder gibt es keine veristischen Sänger, da es nicht gespielt wird? Beides natürlich. Verismo wird als nicht „intellektuell“ genug angesehen, darauf schaut man gegenwärtig herab. Wir leben in einer Zeit, die arm ist an echten Emotionen, an echten Gefühlen: Liebe, Empathie, Glaube. Emotionen zeigen gilt als altmodisch, da kann man nichts mit anfangen, wenn man konzeptionell arbeitet. Es gibt keine Nuancen mehr, die haben ausgedient. Aber es sind auch wenige Sänger, die es singen können, das ist wahr. Während der Ausbildung wird viel zu viel Nachdruck auf die technische Perfektion gelegt und zu wenig auf Individualität. Mode und Hype spielen auch eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Früher konnte man keine Rossini-Oper ordentlich besetzen, gegenwärtig wimmelt es von den Rossini- und Belcantospezialisten. Heute scheint es so, als ob nur zwei Alternativen bestehen: Alte Musik und frühen Belcanto und Wagner. Irgendwo dazwischen haben wir nicht nur den Verismo, sondern auch Verdi verloren. Man kann leichter einen Tristan besetzen als Macbeth. Das gibt zu doch denken. Aber – und dies ist nicht zu unterschätzen – die einseitige Auswahl liegt auch an den Dirigenten und ihren Prioritäten. Die Orchester sind groß und laut und glitzernd, und mit Wagner oder Strauss kann der Dirigent besser glänzen.

Nelly Miricioiu: "Library talk" bei Opera Rara, London/ Foto Duncan Russell/ Dank an Opera Rara

Ich selber habe eine veristische Natur, die sitzt in mir, mein Körper schreit nach Emotionen. Alles, was ich erreicht habe, habe ich Jan Zekveld (der ehemalige Chef der Zaterdag Matinee) und Patric Schmid (Mitbegründer und Direktor der Opera Rara) zu verdanken. Sie begriffen meinen Charakter und entdeckten meine Möglichkeiten.  Beide sahen mein Potenzial und haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Sie waren meine Taufpaten. Basia Jaworski

Übersetzung Beate Rothen-Heithausen
mit Dank: das Foto oben zeigt Nelly Miricioiu bei einer der berühmten “Library talks” der Opera Rara in London/ Foto Duncan Russell/ Opera Rara – mit Dank an Kim Panter).

Und zum Schluss ein Paar akustische Eindrücke von Nelly Miricioiu. Apropos Emotion: “Io son l’umile ancella” aus AdrianaLecouvreur von Cilea:

 Miricioiu in einer ihrer vielen Belcantorollen: Antonina aus Belisario von Donizetti Egli è spento, e del perdono”:

Nelly Miricioiu Fanklub:
https://www.facebook.com/groups/NellyMiricioiuFanclub/?fref=ts

http://operalounge.de/features/portraits-interviews/nelly-miricioiu

Dutch original: Nelly Miricioiu – Keizerin van de ZaterdagMatinee