Mordechai Aranowicz

Ein halbes Jahrhundert Aida: Zeffirelli forever

Text: Mordechai Aranowicz

 

Aida

© Marco Brescia & Rudy Amisano

Wenn eine Opern-Inszenierung auch nach Jahrzehnten immer wieder aufgenommen wird, dabei vier Neu-Inszenierungen (darunter eine durch den selben Regisseur) überlebt, und sich beim Publikum nach wie vor grösster Beliebtheit erfreut, muss es etwas ganz Besonderes sein. Dies kann man von Franco Zeffirellis Aida-Inszenierung an der Mailänder Scala aus dem Jahr 1963 wirklich behaupten.

 

Aida scene

© Marco Brescia & Rudy Amisano

Seit ihrer Premiere mit Leontyne Price, Carlo Bergonzi, Fiorenza Cossotto und Nikolai Ghiaurov in den Hauptrollen hat sie über mehr als ein halbes Jahrhundert die Menschen erfreut und bezaubert. So auch bei ihrer jüngsten Wiederaufnehme anlässlich des 95. Geburtstag von Franco Zeffirelli. Dabei sind es insbesondere die opulenten, aber auch ungemein poetischen Bühnenbilder und Kostüme von Lila de Nobili (1916-2002), welche von Beginn an für sich gefangen nehmen.

 

Aida La Scala

© Marco Brescia & Rudy Amisano

Die schweizerische Künstlerin mit ungarisch-jüdischen Wurzeln – bekannt vor allem für das Bühnenbild zu Luchino Viscontis legendärer La Traviata Inszenierung mit Maria Callas – erzählt Giuseppe Verdis Oper im Stil der Uraufführungs-Ästhetik – und entwickelt dabei mit ihren gemalten Prospekten einen Zauber, wie man ihn heute nur noch bei wenigen Aufführungen erlebt. Egal ob der Königspalast in Memphis, das Gemach der Amneris, die von Sphinxen gesäumte Pracht-Alle zum Triumph-Marsch oder die von Mondlicht beschienene Szenerie am nächtlichen Nil – man staunt durchgehend über die fast unerschöpflichen Ausdrucksmöglichkeiten dieses Kulissenzaubers und lässt sich von der Magie der Bilder von Beginn angefangen nehmen.

Auch musikalisch hatte die Aufführung am 31. Mai viel zu bieten: Unter dem extrem spannenden, dramatischen, aber auch sängerfreundlichen Dirigat von Daniel Oren entwickelt Verdis unvergängliche Musik einen unvergleichlichen Sog, der zwischen den zartesten Piani und den martialischen Klängen des Triumphmarsches stets die richtige Balance fand.

 

Aida ballet

© Marco Brescia & Rudy Amisano

Krassimira Stoyanova singt die Aida mit kräftigem, warmem Sopran, dem auch die extrem anspruchsvollen Registerwechsel der Nilarie keine Probleme bereiten, all die Verzweiflung die Verdi in Aidas Musik zum Ausdruck brachte, wird in dieser Interpretation spürbar.

 

Aida Aida

© Marco Brescia & Rudy Amisano

Violeta Urmana stattet die Amneris mit sattem Mezzosopran mit extrem klanglicher Tiefe aus, könnte aber bei aller stimmgewalt gelegentlich etwas kultivierter singen.

Fabio Satori hat sich leider zu ‚Celeste Aida‘ noch nicht freigesungen, steigerte sich aber im Laufe des Abends deutlich und fand in dritten und vierten Akt mit seinem baritonal gefärbten Tenor zu berührender Innigkeit.

Vitali Kowaljows voluminösem Bass fehlt leider viel von der Schwärze, die den Ramphis charakterisiert, während Carlo Colombara als Pharao mit warmer voller Stimme, das Volk zu den «heiligen Ufern» des Nils rief.

Georg Gagnize war ein dramatischer, schönstimmiger Amonasro, der das Beste aus dieser etwas undankbaren Rolle machte.

Am Ende langanhaltender begeisterter Jubel für alle Sänger und eine Inszenierung mit absolutem Kult-Status!

 

TOSCA an der MET: Anna Netrebko erobert Puccinis ikonische Diva

Text: Mordechai Aranowicz

 

 

Tosca poster

 

Zum Ende ihrer laufenden Saison präsentierte die Metropolitan Opera in New York sechs Aufführungen von Tosca, in denen Anna Netrebko als tragische Titelheldin debütierte. Dabei hatte sie sich diese wunderschöne Neuinszenierung von Sir David McVicar, die am vergangenen Silvesterabend ihre Premiere erlebte, für ihr stürmisch gefeiertes Rollendebüt ausgesucht. Die grosse Sängerin erhielt bereits nach ihren aus dem Off gesungenen Mario-Rufen stürmischen Auftrittsapplaus, der keine Vorschusslorbeeren bleiben sollte.

 

Tosca Netrebko

©Photo Ken Howard/Metropolitan Opera

Die Netrebko präsentierte sich auf dem Zenit ihres Könnens und scheint mit der Tosca eine Rolle gefunden zu haben, die in jeder Hinsicht zu ihrer dunkel timbrierten Stimme passt. Sie sang die Rolle mit warmem, sinnlichen Sopran, der in allen Lagen ausgezeichnet ansprach und zeichnete musikalisch einen Charakter, wie man ihn selten erlebt. Da erhielt jede Note eine tiefere Bedeutung, das Spiel Anna Netrebkos glühte in Liebe, Angst, Leidenschaft und Verzweiflung. Das berühmte “Vissi d`arte” und das anschließende “Vedi, le man giunte io stendo a te!” wurden vom Publikum mit einer atemlosen Stille verfolgt.

 

Tosca Cvaradossi

Najmiddin Mavlyanov © internet

 

Toscas geliebter Mario Cavaradossi war mit dem usbekischen Tenor Najmiddin Mavlyanov besetzt worden, der zum ersten Mal überhaupt an der Met sang. Der sympathische Sänger beeindruckte vom ersten Moment an mit seinem klaren, technisch perfekt geführten Tenor italienischer Schule, der ausgezeichnet mit Anna Netrebko harmonierte und mit mächtigen Vittoria-Rufen im zweiten Akt austrumpfte. Diese wunderbare Gesangsleistung wurde mit einem ausgezeichneten “E lucevan le stelle” abgerundet.

 

Tosca Scarpia

©Photo Ken Howard/Metropolitan Opera

Als Baron Scarpia war von der Premierenbesetzung einzig noch Zeljko Lucic übriggeblieben, der zum Te Deum-Chor (Einstudierung: Donald Palumbo) im ersten Akt einen imposanten Auftritt auf einem Podest hatte und auch in der großen Szene mit Tosca bewies, warum er an allen führenden Häusern der Welt zu Hause ist. Allein darstellerisch wirkte Lucic für den sadistischen Charakter über weite Strecken etwas zu nobel – hier hätte der Sänger durchaus etwas mehr Brutalität darstellen können.

 

Tosca Te deum

©Photo Ken Howard/Metropolitan Opera

Der idealen Rahmen für diese vorzüglichen Sänger bildeten die gigantischen, an den Originalschauplätzen orientierten Bühnenbilder und zeitgerechten Kostüme von John Macfarlane. Da war einmal eine prächtige, in Goldtönen funkelnde Kirche Sant`Andrea della Valle, das stimmungsvoll von Kaminfeuer und Kerzen beleuchtete Palazzo Farnese und die monumentale Plattform des Castel Sant`Angelos mit ihrer gigantisch aufragenden Engelsstatue vor einem Himmelsprospekt, der mit seinen drohend gemalten Wolken das aufkommende Unheil vorwegnahm.

 

Tosca sprong

©Photo Ken Howard/Metropolitan Opera

Die geschmackvollen Kostüme im Stil des Empire betonten die Wirren des Umbruchs, in dem sich Europa im Juni des Jahres 1800 befand und waren im Falle der Titelheldin eine wahre Augenweide. Der Ausstatter hatte mit dem schwarzen (und nicht roten!) Kostüm des zweiten Aktes ausserdem berücksichtigt, dass Frauen erst ab dem Biedermeier die Farbe schwarz nur noch für Trauerzwecke trugen, damals diese Farbe jedoch zu festlichen Anlässen üblich war.

Die Personenregie von David McVicar beleuchtete zum einen viele kleine Details, die sonst in Tasca Aufführungen leicht untergehen, hielt sich jedoch insgesamt zugunsten der phantastischen Sänger wohltuend zurück., was auch künftigen Besetzungen entgegenkommen dürfte. Insgesamt stellt diese Regiearbeit eine deutliche Verbesserung gegenüber der wenig geliebten Vorgänger Version von Luc Bondy dar, ohne aber die berühmte Inszenierung von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1985 in irgendeiner Weise zu kopieren.

Am Pult des phantastischen Met-Orchesters sorgte Betrand de Billy für eine zupackende, spannende Interpretation, die jedoch hin und wieder etwas gefühlvoller hätte seien dürfen. Das Publikum zeigte sich am Ende begeistert und feierte alle Beteiligten mit stehenden Ovationen.

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Der tigernde Holländer am Opernhaus Zürich

Text: Mordechai Aranowicz

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Mit gemischten Gefühlen verliess man den fliegenden Holländer am Opernhaus Zürich. Die Inszenierung des Intendanten Andreas Homoki und der Ausstattung von Wolfgang Gussmann aus dem Dezember 2012 war dabei eine grosse Enttäuschung. Es handelt sich um ein völlig austauschbares beliebiges Arrangement, das fast den ganzen Abend über mit Wagners selbst verfasstem Libretto frontal kollidiert, Libretto und Partitur einerseits und die Inszenierung andererseits waren völlig zweierlei Sachen, die kaum etwas miteinander zu tun haben.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Statt der geforderten Schauplätze befinden wir uns in einem Seemanns-Kontor zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dem es eben spukt. Dass im Libretto von Schiffen, Stürmen, Häfen, Spinnrädern die Rede ist schien dem Regisseur völlig egal, auch wer die Oper nicht kennt, dürfte beim Mitlesen der Übertitel das flaue Gefühl im Magen bekommen haben, dass hier inszenatorisch etwas völlig schiefläuft.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Die unfreiwillige Komik mit einem afrikanischen Krieger in der Spukszene während des Fests der Matrosen im dritten Aufzug, war trauriger Höhepunkt, dieser völlig verfehlten Regie-Arbeit! Das war umso bedauerlicher, da mit Bryn Terfel einer der gefragtesten Holländer-Interpreten unserer Zeit zur Verfügung stand. Sein herber, robuster Bariton sprach am besagten Abend in allen Lagen bestens an, fand im Verlauf des Abends zu Leidenschaft und Ausdruck.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Camilla Nylund war dabei eine ebenbürtige Partnerin, der man ihr leichtes Tremolo in der berühmten Ballade leicht nachsehen konnte, ihr wunderbarer dramatischer Sopran verlieh der Senta zahlreiche Farben und blühte im zentralen Duett des zweiten Aktes wunderbar in der Höhe auf.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Steven Humes war ein Stimmlich etwas zu leichtgewichtiger Daland, man vermisste das Volumen und die Tiefe, die diese Rolle braucht. Marco Jentsch gab einen geschmeidig Stimmigen Erik, während die respaktable Leistung von Omer Kabiljak als Steuermann durch die Abstrusitäten der Regie völlig zunichtegemacht wurde.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Der von Janko Kastelic präparierte Chor brachte sich klangstark mit ein, war jedoch optisch einfach grausam und unpassend kostümiert und musste sich wie bei so vielen Regiearbeiten von Andreas Homoki ohne Grund hyperaktiv betätigen ohne, dass dafür ein Grund erkennbar war.

Das Orchester und Markus Poschner spielte von der Ouvertüre an einen Wagner, der an Spannung und Farbreichtum kaum zu überbieten war. Viel Jubel am Ende dieses pausenlos gespielten Nachmittags für Sänger, Chor und Orchester, lange Gesichter auf der Treppe wegen einer weiteren ernüchternden und ärgerlichen Inszenierung.

Foto T+T Fotografie: Toni Suter + Tanja Dorendorf

Am 28.03.2018 im Opernhaus Zürich besucht